Eltern-Burn-Out
© photocase Benutzerprofil von una.knipsolinaDas Ausbrennen der Batterien beschränkt sich nicht nur auf die Geschäftswelt. In einer wenig auf Kinder ausgerichtete Gesellschaft ist Elternschaft - um es geschäftsmässig zu benennen - zu einem recht harten Business geworden. Vielen ausgesprochenen oder unausgesprochenen Forderungen stehen eher wenig kindergerechte Angebote gegenüber. Eltern stehen im Spannungsfeld vieler Ansprüche. Heute ist der normale Tag der wenigsten Mütter ausschliesslich mit der Kinderbetreuung ausgefüllt. Jene von Vätern noch weniger. Eltern sollen flexibel verfügbare Angestellte sein - zugleich aber gute Mütter und Väter. Sie sollen den Familienstress vom Arbeitsplatz fernhalten - sagt die Firma; und den Geschäftsstress von Familie und Kindern - sagen alle Erziehungsratgeber und Paartherapeuten.

Aber: Menschen sind normalerweise ganze Persönlichkeiten. Die Abspaltungen sind ihnen nur teilweise möglich und - vor allem, sie dürfen ein gesundes Mass nicht überschreiten. Die Überlastungsgefahren sind von zwei Seiten her zu betrachten. Zuerst rede ich vom privaten Stress. Anschliessend muss aber auch ein Auge darauf geworfen werden, ob der Familiensituation in Politik und Wirtschaft genügend Rechnung getragen wird oder anders gefragt: Ist unsere Gesellschaft kinderfeindlich?

 

                                             Schlafenszeit
© photocaseWenden wir uns nun der privaten Seite zu: Es beginnt schon nach der Geburt. Manche Säuglinge finden ihren Rhythmus. Sie schlafen abends ein und wachen morgens wieder auf. Ihre Rhythmen harmonieren mit denen der Eltern: sehr glücklichen Eltern! So häufig ist diese Idylle nämlich nicht. Es ist ganz normal, dass Säuglinge und Kleinkinder nicht durchschlafen, nicht einschlafen können oder - etwas ältere Kinder. nicht zu Bett gehen wollen. Die Ermüdung oder gar Erschöpfung der Eltern steht nicht im Einklang mit der Quirligkeit des Kindes. Je kleiner das Kind, desto einseitiger die Anforderung an die Eltern, sich dem Kind anzupassen; denn es hat noch nicht das eigene innere Zentrum aufgebaut, um sich selber zu kontrollieren. Die Anforderungen an „Säuglingseltern" sind sehr hoch. Die Wut kann hochsteigen auf das Kind, das immer noch keine Ruhe gibt: das ewige Schrein nachts und die Nachbarn, die womöglich reklamieren! Das Gefühl, dem allem ausgeliefert zu sein - völlig machtlos! Kaum mehr wissen, wo der eigene Kopf steht. Keine neuen Einfälle, womit Beruhigung noch zu versuchen oder herzustellen wäre; es ist zum Verzweifeln. Es kommt vor, dass Eltern die „Nerven" verlieren. Das Kind schütteln oder schlagen. Das ist sehr gefährlich und darum vom Wohl des Kindes her gedacht in keinem Fall zu entschuldigen.

 

Stärke
Um ohnmächtige Situationen auszuhalten braucht es ein erhebliches Mass an Stärke. Ruhe und vor allem Beruhigen kann nicht erzwungen werden! Keine Macht der Welt kann auf Dauer Ruhe erzwingen, es sei denn durch Abtötung. Damit ist nicht unbedingt an Totschlag gedacht. Ich warne an dieser Stelle auch vor Ruhestellung vor dem Fernseher oder vorschneller Verabreichung von ruhe erzeugenden Medikamenten. Mit Übermacht oder Verführung erzwungene Ruhe kann im Abtöten aller Antriebe, der Initiative und Lebendigkeit enden - in einer Einschüchterung, die lebenslange schwere Ängste vor dem eigenen Regungen und allem lebenssprühenden Verhalten erzeugt. Es gibt kaum Eltern, die das für ihre Kinder wünschen. Gefragt ist in sich ruhende Stärke. Sie befähigt erst, die Unruhe des Kindes auszuhalten und den Reklamationen anderer standzuhalten. Sich selber beruhigen zu können, wenn eigene Ängste wachsen, dem Kind und anderen Anforderungen nicht gerecht zu werden, braucht Kraft. Solche in sich ruhende Stärke hat eine grosse Ausstrahlung auch auf das Kind. Nicht dass es gleich ruhig wird, einschläft und durchschläft. Aber es wird nicht noch zusätzlich aufgeregt. (Warnung vor einem Missverständnis: Gemeint ist nicht, dass Schlafstörungen und andere Schwierigkeiten von Kindern einfach ein Zeichen dafür seien, dass den Eltern etwas fehlt.)

 

Burn out
 © PhotoCaseUnsere Kraftreserven funktionieren wie aufladbare Batterien. Es ist wichtig, den Zeitpunkt nicht zu verpassen, um sie aufzuladen. Ist die Erschöpfung weit fortgeschritten, braucht es mehr Zeit, sie zu regenerieren. Werden Notsignale übergangen, diese nicht gesehen oder nicht richtig eingeschätzt, besteht die Gefahr, dass die Batterie ausbrennt und ihre Aufladefähigkeit dauernd eingeschränkt oder gar zerstört ist. Im Volksmund kennen alle die Wendung, jemand ist ausgebrannt. Modern sprechen wir von „Burn-out", was auf englisch dasselbe heisst. Nicht nur Manager sind in Gefahr, sondern manchmal auch Eltern. Diesem Aspekt sollten wir gesellschaftlich mehr Aufmerksamkeit widmen. Ausgebrannte Eltern brauchen Hilfe. Aber noch viel wichtiger ist die Vorbeugung. Vorbeugung ist besser als Heilen! Das Leid in der Beziehung und bei den Kindern beginnt meist schon lange vor dem Zusammenbruch. In der Wiederherstellungsphase der Eltern sind die Kinder erneut betroffen durch Wohnumstellungen oder Fremdbetreuung. Hinzu kommt, dass sie sich nicht selten mitschuldig fühlen am Desaster. Wenn wir im Alltag über mehr Kraft und Stärke verfügen möchten resp. müssen, sollten wir uns Fragen stellen: Was schwächt unsere Kraft? Und wo stärkt sie? Wo und wie können wir aufladend handeln?

 

Schwächungen
Säuglings- und Kleinkinderbetreuung ist kräftezehrend. Da lässt sich nicht viel ändern. Namentlich Konfliktsituationen können aber verschieden angegangen werden. Grundsätzlich sind Ängste, Scham- und Schuldgefühle schwächend und daher nicht dienlich. Das heisst praktisch: Alle Vorwürfe, die Eltern gemacht werden, ohne ihnen auch eine Hilfe oder Lösung anzubieten, sind schwächend. Sie haben das Zeug dazu, die Situation zu verschlimmern. Alle reklamierenden Nachbarn, EhepartnerInnen, Grosseltern, LehrerInnen und ErziehungsberaterInnen müssen sich zu Herzen nehmen und gut überlegen, wie sie vorgehen wollen, wenn sie mit Eltern unzufrieden sind oder Missstände befürchten. Ein spezielles Kapitel sind die Schwächungen, die sich Eltern gegenseitig zufügen, wenn sie zum Beispiel in Machtkämpfe geraten oder sich in Eifersucht um die Zuneigung der Kinder verstricken. Nicht selten erwachsen daraus „Ehe-Burn-outs", die sogar die Familiengrundlage gefährden. Kurzschlüsse brauchen nicht nur in der Elektrizität ungeheuer viel Energie, die nutzlos verpufft wird. Schwächungen können aber auch im Inneren der Eltern stattfinden. Oft kommen schwächende Zirkel in Gang: Das Kind schreit - die Eltern nerven sich - sie machen sich selber und dem Kind Vorwürfe, dass keine Ruhe eintritt - sie machen sich Vorwürfe, dass sie sich und anderen Vorwürfe machen; denn eigentlich wissen sie, dass dies schlecht ist. Nun kommt mein Artikel daher und bestätigt, dass das schlecht ist. Die Abwertspirale kann fast nicht gestoppt werden: Vorwürfe und Selbstvorwürfe sind schwächend. Nur Verständnis für die Schwierigkeit der Situation und Mitgefühl dafür, wie ohnmächtig sich diese Ausweglosigkeit anfühlt, bieten halbwegs einen Halt, die Spirale zu stoppen.

 

Stärkung
© photocase Benutzerprofil von kaffeetrinkenSchon das Stoppen des Kräfteverlustes hilft in der Energiebilanz. Ohne Wiederaufladen geht es aber nicht: Grundsätzlich sind drei Quellen zu nennen: Liebe, Vertrauen und Geniessen. Stärkende Liebe eignet sich in der Zuwendung von Menschen und zu Menschen, über deren unverbrüchliches Wohlwollen ich mir sicher bin. Glauben und Erfahrung, das sie bedingungslos zu mir halten, stärken und Liebe. Liebe und Beziehung sind immer wechselgegenseitig - im Gegensatz zu Verliebtheit und sexuellen Reizen. Sie ist immer sowohl auf Geben als auch auf Annahmebereitschaft und Aufnehmen angewiesen. „Liebe", die nur Zuwendung erwartet, wird nie befriedigt. Liebe, die glaubt, nur Geben sei echte Liebe, stösst die Partner vor den Kopf. Die Bereitschaft an die Liebe eines anderen zu glauben, ist der eigene Teil, der Liebe ermöglicht. Auch Vertrauen ist etwas Gegenseitiges und etwas in mir. Das Gefühl, selber in Ordnung zu sein, entsteht und erhaltet sich im Austausch mit Menschen, deren Anerkennung und Lob ich annehmen kann. Nur wenn ich den Lobenden respektiere und ihnen vertraue, stärkt mich ihre Anerkennung. Zu respektvollem Lob kann auch Kritik gehören. Gegenseitiges Ernstnehmen in der Auseinandersetzung und in der Reflexion des eigenen Alltags bedeutet Vertrauen. Sich selber etwas gönnen können ist eine wichtige Energiequelle. Dazu brauchen einige Menschen Mut. (ich spreche hier nicht von genuss- und konsumsüchtige Eltern. Sie gibt es auch; sie sind aber kaum von Burn-out gefährdet). Vielen verantwortungsbewussten Menschen fällt es nicht leicht, drängende Geschäfte ohne schlechtes Gewissen liegen zu lassen, die Kinder jemand anderem anzuvertrauen, auch wenn sie nicht so glücklich darauf reagieren, die eingewurzelte Bescheidenheit zu überwinden und zu eigenen Bedürfnissen zu stehen und sich zu erlauben, einfach zu geniessen. Alle drei Stärkenquellen brauchen Zeit. Auch Liebesleben und Partnerschaft brauchen Ort, Zeit und gesicherten Rahmen. Gönnen Sie sich und der Familie das: Sie haben nicht nur ein „Recht" darauf und dürfen es sich „erlauben". Sie können ein allfällig schlechtes Gewissen damit beruhigen, dass sie etwas gutes für die Kinder tun: Sie beugen eine Ausbrennen vor, das für niemanden ein Gewinn ist und moralisch nicht höher (aber auch nicht niedriger) steht als lebensfrohe und wieder gestärkte Mütter und Väter.


Kinderfreundlich?
Es wer aber falsch, die Burn-out-Problematik nur der privaten Sphäre zuzuordnen. Der Lebensraum der Eltern und der Familie kann viel zum Entstehen oder Vorbeugen des Ausbrennens beitragen: Die Frage gehört hierher und muss gestellt werden: Wie kinderfreundlich ist unsere Gesellschaft eingerichtet? Es geht mir weniger um Hilfsangebote. Davon gibt es etliche. Mir fehlt die Kinderperspektive in Politik und Wirtschaft. Kind und Familie gelten als privat. So weit so gut. Aber oft nimmt Fremdbestimmung neben dem bemerkten auch viel unbemerkten Einfluss auf das „private" Leben. Wird dies genügen ernst genommen? Es ist Sache der Politik und der Wirtschaftsplanung, die Plätze zu reservieren und zu sichern, in denen sich Privatheit entwickeln kann. Dazu würde die Familenperspektive einen gesicherten Einsitz in der Planungsgremien brauchen, die die Welt von morgen gestalten. Ich denke zum Beispiel an die Verkehrsplanung, die Architektur von Wohnungen, von Plätzen zur freien Gestaltung wie Hinterhöfe oder Brachlandschaften, an die Arbeitszeitplanung oder die Einrichtung der Arbeitsplätze. Wie steht es mit den Prioritäten? Ich höre die Forderung nach Flexibilität nur im Zusammenhang mit der Anpassung der Angestellten an die Bedürfnisse des Arbeitsplatzes, nicht aber dass die Arbeitsplatzplaner auf Bedürfnisse der Familien und Kinder hören und flexible Lösungen dafür entwickeln sollen. Der hohe Nutzen des Nutzlosen für Kinder und Familien wird generell unterschätzt. So gut wie die Umweltverträglichkeitsprüfung müsste eine Kinder- und Familienverträglichkeitsprüfung eingeführt werden. Zumindest Delegierte für Kinderfragen gehörten auch dort in die Planungsgremien von Verwaltung und Wirtschaft, wo es nicht um Kinderangelegenheiten im engeren Sinne geht.

 

Dr. Rudolf Buchmann
Psychotherapeut SPV/ASP
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rb@paxis-buchmann.ch

 

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